Die Zeichen stehen auf Offenheit

Die Zeichen stehen auf Offenheit

Pfarrer Andreas Süß bietet zur Marktzeit Gespräche in der Fußgängerzone an – Die Premiere war bereits erfolgreich
Das blaue Sofa unter dem Pavillon am Ende der Schlossstraße war jedenfalls schon mal ein Blickfang, auch wenn es bei manchem Marktbesucher Grübeln auslöste. Doch das weiße Segel mit dem Aufdruck „Offene Kirche“ klärte dann schnell den Zusammenhang für die neugierigen Passanten. „Das finde ich toll, dass Sie jetzt auch hier präsent sind. Eine gute Idee.“ Einen solchen Satz hörte Pfarrer Andreas Süß am gestrigen Vormittag immer wieder, wenn er vertraute Gemeindemitglieder der katholischen Pfarreiengemeinschaft St. Nikolaus/St. Joseph traf, aber auch auf freundliche Art Unbekannte ansprach, denen er eine Tasse Kaffee, auf einem bunten Papierschnipsel ein Bibelzitat als „gutes Wort für den Tag“ oder auch ein ausführlicheres Gespräch anbot. „Wenn die Menschen nicht zu uns kommen, dann müssen wir eben dorthin gehen, wo sie sind“, sagt er fröhlich. „Schon in der Antike haben sich die Leute auf der Agora, dem Marktplatz, versammelt, wenn sie eine wichtige Neuigkeit unters Volk bringen wollten. Und eine Botschaft – zumal eine wirklich gute – die hat die Kirche ja nun in der Tat, um sie in die Welt zu tragen.“

Jeden Donnerstag zur Marktzeit will der Seelsorger nun da sein, wo das Leben pulsiert. „Auch wenn viele den Schritt bis in die Kirche nicht mehr schaffen, wollen wir als Gemeinde dennoch für sie da sein und sie nach ihren Sorgen und Nöten fragen, aber auch nach dem, was sie bewegt und glücklich macht. Kirche ist für uns im doppelten Wortsinn ein ‚offener Raum’, in dem wir Nah- und Fernstehende gleichermaßen willkommen heißen.“ Papst Franziskus lebe mit dem von ihm initiierten „Jahr der Barmherzigkeit“ vor, was es heißt, Offenheit und Präsenz zu zeigen. Ihm sei wichtig, da Zuspruch zu geben, wo er am nötigsten gebraucht wird. „Gemeinsam mit unseren Gremien müssen wir daher neue pastorale Weichen stellen, unsere bisherigen Konzepte überdenken, wenn wir auch in Zukunft Menschen zum Mitmachen für die Sache Gottes gewinnen wollen, wenn wir unsere Kirchen mit jungen Menschen füllen und sie zur Teilhabe an der Mitgestaltung von Kirche motivieren möchten. Vor allem müssen wir eine sichtbare und ‚hörende Kirche’ sein, die achtsam wahrnimmt, sensibel reagiert und mit offenen Armen auf andere zugeht. Wir wollen die Wege der Menschen mitgehen, sie begleiten und nicht alleine lassen in ihrer Suche nach Erfüllung und Sinn.“ Hier gebe es eine Vielzahl an konkreten Gesprächs- und Hilfsangeboten, bei Bedarf selbstverständlich auch ein gemeinsames Gebet oder den Segen.

„Jesus mahnt uns: ‚Seid Diener der Freude statt Herr über den Glauben!’ Der hier gemeinte Dienst entspricht meinem Verständnis von Seelsorge“, so Süß. Gleichzeitig mache es ein Umdenken erforderlich und die Bereitschaft zu größtmöglicher Offenheit, jeden auch so anzunehmen, wie er ist, und ihm nicht eigene Vorstellungen überzustülpen. „Mehr noch als früher müssen wir uns bei allem, was wir tun und an Angeboten aussprechen, fragen: Wie erreichen wir die Menschen? Was tut ihnen gut? Welche Unterstützung benötigen sie? Unsere christliche Botschaft steckt voller Tröstungen, Hoffnungen und der Zusage Gottes: Du bist von mir geliebt.“ Dafür gelte es, auf die Straßen und Marktplätze zu gehen, um anderen etwas von dieser heilsamen Gewissheit zu vermitteln. „Wir sind keine geschlossene Gesellschaft, kein innerer Zirkel, der sich nach außen hin abschottet“, unterstreicht Süß. „Ganz im Gegenteil.“ Je nach Generation bewegten die Menschen ganz unterschiedliche Dinge, das weiß der 40-Jährige aus Erfahrung. „Gerade Jugendliche haben heute andere Formen des Verbundenseins mit Kirche; sie bringen ihren Glauben anders zum Ausdruck, als wir es noch gelernt haben. Darauf aber müssen wir eingehen und sie ernst nehmen.“ Auch Kindern müssten ganz eigene Zugänge zur Erfahrbarkeit von Kirche eröffnet werden. Und nie dürfe es darum gehen zu bewerten.

„Zu glauben basiert heute auf einer freien Entscheidung des Einzelnen. Zwang und Verpflichtung – wie früher – stehen im Widerspruch zum Menschsein“, betont der Geistliche. „Daher setzen wir uns auch mit unserem Pfarrgemeinderat gezielt vor Ort für Dialog und Teilhabe ein. Denn je mehr an einer lebendigen Gemeinde mitarbeiten und nicht nur Zuschauer bleiben, desto größer, bunter und eben offener werden die Räume, in denen Kirche erfahrbar wird.“

Sprechzeit auf dem „blauen Sofa“ hat Pfarrer Süß von nun an jeden Donnerstag von 11 bis 12 Uhr in der Bensberger Fußgängerzone.

Erschienen auf der Webseite unserer Pfarreiengemeinschaft.
Text und Fotos – Beatrice Tomasetti

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